SFB/FK-427 Medien und kulturelle Kommunikation
Ergativstrukturen in DGS und DLS
Workshop des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs
Teilprojekt A1
Gäste: Elke Diedrichsen und Martje Hanse
06.12.2007, 10:00-18:00 Uhr
Konferenzraum des Kollegs, Pohligstr., Köln-Zollstock
Dr. Elke Diedrichsen (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf):
ERGATIVSTRUKTUREN IN DER DEUTSCHEN SCHRIFTSPRACHE
Unter typologischer „Ergativität“ versteht man im Allgemeinen ein syntaktisch-morphologisches Muster, in dem das „Subjekt“ des intransitiven Verbs (S) durch die Grammatik, etwa durch Kasusmarkierung, gleich behandelt wird wie das „direkte Objekt“ des transitiven Verbs (O). In morphologisch-syntaktisch ergativischen Systemen sind daher die Termini „Subjekt“ und „direktes Objekt“ streng genommen nicht anwendbar. Ergativsysteme kommen etwa in australischen Ureinwohnersprachen, im Kaukasus und in Eskimosprachen vor, die deutsche Lautsprache hingegen ist wie alle anderen indoeuropäischen Sprachen auch eine Akkusativsprache.
Nach dem Vorbild einer Studie von Du Bois (1987) lässt sich jedoch im deutschen (schriftlichen) narrativen Diskurs feststellen, dass es eine pragmatische „Gleichbehandlung“ von S und O gibt: Demnach wird „neue“ Information sehr selten als Subjekt des transitiven Verbs (A) in den Diskurs eingeführt; dies geschieht fast ausschließlich in den Argumentpositionen des intransitiven Subjekts und direkten Objekts. Solche Strukturen sind von Du Bois als Diskurs-Basis der Ergativität interpretiert worden. Durch eine empirische Studie lässt sich jedoch belegen, dass solche „Ergativ-Strukturen“ auf eine spezifischere Tendenz zurückzuführen sind, welche darin besteht, dass im Diskurs meist durch das Subjekt beim transitiven Verb (A) auf Vorerwähntes Bezug genommen wird.
Dr. Martje Hansen (Hochschule Magdeburg-Stendal):
BLICKVERHALTEN UND ERGATIVSTRUKTUREN IN DER DEUTSCHEN GEBÄRDENSPRACHE (DGS)
Der Befund, dass die DGS kein morphologisches Passiv hat, lässt zugleich die Frage aufkommen, wie die aus vielen europäischen Lautsprachen bekannten funktionalen Äquivalente des morphologischen Passivs in der DGS aussehen. Manuelle Mittel zur formalen Markierung semantischer Rollen konnten in DGS- Äußerungen bislang nicht identifiziert werden. Transkriptionsbasierte Analysen spontaner Narrationen zeigen jedoch, dass das Blickverhalten in der DGS und zumindest auch in der ASL (Thompson et al. 2006) grammatische Funktion übernimmt: Der grammatikalisierte Blick kennzeichnet hier nämlich das (einzige) Argument einer intransitiven Äußerung (das S-Argument) sowie das zweite Argument einer transitiven Äußerung (das O-Argument). Genau diese Markierungsregel ist aber das Grundmuster ergativer Sprachen, deren primäre syntaktische Funktion nicht das Subjekt, sondern der Absolutiv ist. Während das Subjekt die pragmatische Funktion des Topics mit der semantischen Rolle des Agens verknüpft, bindet der Absolutiv die Topicfunktion an die Patiens-Rolle (Du Bois 1987).
Interessanterweise lassen sich aber für die Deutsche Gebärdensprache auch solche Äußerungsgruppen freilegen, die – vergleichbar den dokumentierten Sonderfällen in verschiedenen Lautsprachen – dieser Markierungsregel offensichtlich nicht unterliegen. In der DGS gehören vor allem Äußerungen mit einer ICH-Konstruktion und solche mit sog. „backgrounding“-Funktion zu den Ausnahmefällen; sie weisen also die genannte Regularität im Blickverhalten nicht auf. Diese Abweichungen ließen sich zumindest im ersten Fall mit der Visualität von Gebärdensprachen erklären, haben aber auch semantische und pragmatische Ursachen, die für Laut- und Gebärdensprachen gleichermaßen gelten.
Veranstaltungstyp: Workshops
Zuletzt geändert am 18. Dezember 2007 um 16:34 Uhr - Kontakt - Login zum Bearbeiten

